Im März 2025 hat die Europäische Kommission die Union der Kompetenzen gestartet, ihre Strategie für die Kompetenzen, die Europa braucht, um wettbewerbsfähig, gerecht und widerstandsfähig zu bleiben. Hinter der politischen Fachsprache steht eine einfache Diagnose: Zu viele junge Menschen verlassen die Schule ohne solide Grundkompetenzen, zu wenige Erwachsene lernen weiter, und Qualifikationen enden noch immer an den nationalen Grenzen. Hier erfährst du, was die Strategie enthält, warum sie für junge Menschen wichtig ist und welche Rolle die Jugendarbeit dabei spielt.
Warum gerade jetzt eine Kompetenzstrategie
Die Union der Kompetenzen wurde am 5. März 2025 als eine der Leitinitiativen der ersten hundert Tage der Kommission vorgestellt, gemeinsam mit einem Aktionsplan für Grundkompetenzen und einem Strategieplan für die MINT-Bildung. Sie baut auf der Europäischen Kompetenzagenda, dem Europäischen Bildungsraum und dem Europäischen Forschungsraum auf und fließt in die umfassendere Wettbewerbsagenda der EU ein.
Die Ausgangslage ist unbequem. In der PISA-Studie 2022 erreichte rund ein Drittel der 15-Jährigen in der EU in Mathematik nicht das Grundniveau, und etwa ein Viertel blieb beim Lesen und in den Naturwissenschaften darunter. Unternehmen in ganz Europa melden einen Mangel an technischen, digitalen und grünen Kompetenzen, während viele Erwachsene seit dem Ende ihrer Schulzeit an keiner Weiterbildung mehr teilgenommen haben. Die Antwort der Strategie: Kompetenzen als gemeinsames europäisches Projekt zu behandeln statt als rein nationale Aufgabe.
Was die Strategie enthält
Die Kommission bündelt ihre Maßnahmen in vier Bereichen, die von einer neuen Steuerungsebene zusammengehalten werden:
- Kompetenzen für ein gutes Leben und gute Arbeitsplätze aufbauen. Die Grundkompetenzen in Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften und im digitalen Bereich stärken, mit einem Förderprogramm für Grundkompetenzen, das in Schulen erprobt wird, einer Offensive für MINT-Fächer, die auch mehr Mädchen und Frauen anspricht, einer stärkeren beruflichen Aus- und Weiterbildung und mehr Unterstützung für Lehrkräfte und Trainer:innen.
- Weiterbildung und Umschulung ein Leben lang. Ein Pilotprojekt für eine Kompetenzgarantie für Beschäftigte in Unternehmen, die umstrukturiert werden, damit Menschen umgeschult werden, bevor sie ihren Arbeitsplatz verlieren, dazu flexiblere, kürzere Lernwege für Erwachsene.
- Kompetenzen, die überall in Europa zählen. Eine Initiative zur Übertragbarkeit von Kompetenzen, damit eine Qualifikation oder eine in einem Mitgliedstaat nachgewiesene Kompetenz auch in einem anderen verstanden und anerkannt wird. Das macht es für Menschen leichter, in ein anderes Land zu ziehen, und für Unternehmen, über Grenzen hinweg Personal zu finden.
- Talente gewinnen, fördern und halten. Die Initiative Choose Europe, die Forschende und Fachkräfte aus aller Welt anziehen soll, sowie Maßnahmen, die talentierte Menschen in Europa halten.
Um all das zu steuern, hat die Kommission einen hochrangigen Europäischen Kompetenzrat aus Arbeitgeber:innen, Gewerkschaften, Bildungsanbietern und Mitgliedstaaten eingerichtet, der sich auf eine Europäische Beobachtungsstelle für Kompetenzdaten stützt, die erhebt, welche Kompetenzen wo gefragt sind. Der bestehende Pakt für Kompetenzen mit mehr als 2.500 Mitgliedsorganisationen und dem Ziel, bis 2030 25 Millionen Menschen weiterzubilden, wird als wichtigstes Partnerschaftsinstrument der Strategie gestärkt.
Die Ziele für 2030
Die Strategie setzt messbare Ziele für das Ende des Jahrzehnts:
- Weniger als 15 % der 15-Jährigen mit unzureichenden Leistungen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften und weniger als 15 % der Schüler:innen der achten Schulstufe mit unzureichenden digitalen Kompetenzen.
- Mindestens 15 % der Schüler:innen mit Spitzenleistungen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften.
- Mindestens 45 % der Lernenden in der beruflichen Erstausbildung in MINT-Fächern, davon mindestens ein Viertel Frauen.
- Mindestens 32 % der Studierenden an Hochschulen in MINT-Fächern, davon mindestens zwei Fünftel Frauen.
- Mindestens 5 % der Doktoratsstudierenden in IKT-Programmen, davon mindestens ein Drittel Frauen.
Was die Strategie für junge Menschen bedeutet
Für 16-Jährige in Wien oder 24-jährige Absolvent:innen in Riga wird die Strategie vor allem indirekt spürbar sein: durch Schulen, die zusätzliche Unterstützung bei den Grundkompetenzen bekommen, durch Lehrausbildungen und Studienprogramme, die sich leichter mit einem Auslandsaufenthalt verbinden lassen, und durch einen Arbeitsmarkt, auf dem ein Zeugnis aus einem anderen EU-Land mehr zählt. Zwei Punkte sollten junge Menschen selbst im Blick haben.
Erstens: Bei Grundkompetenzen geht es nicht mehr nur um Lesen und Rechnen. Digitale Kompetenz, die Fähigkeit, Informationen im Netz einzuschätzen, und das Selbstvertrauen, weiterzulernen, gelten als Grundlage, nicht als Extra. Zweitens: Die Strategie würdigt ausdrücklich Kompetenzen, die außerhalb des Klassenzimmers erworben werden. Die Agenda zur Übertragbarkeit setzt auf Instrumente, die die Jugendarbeit seit Jahren nutzt, etwa das Youthpass-Zertifikat, das festhält, was Teilnehmende in Erasmus+ Jugendprojekten lernen, und den Europäischen Referenzrahmen der Schlüsselkompetenzen für lebenslanges Lernen.
Welche Rolle die Jugendarbeit spielt
Jugendorganisationen sind nicht die Hauptadressaten der Union der Kompetenzen, aber sie sind Teil des Ökosystems, das die Strategie beschreibt. Non-formale Bildung erreicht junge Menschen, die innerlich mit der Schule abgeschlossen haben, und sie stärkt genau die Kompetenzen, die Arbeitgeber:innen heute am höchsten bewerten: analytisches und kritisches Denken, Resilienz, Teamarbeit, Kommunikation und die Neugier, weiterzulernen. Unsere wöchentlichen Labs, die Simulationen von Model United Nations und Model European Parliament, Jugendbegegnungen und Trainingskurse sind in diesem Sinn Kompetenzprogramme, und Youthpass macht dieses Lernen sichtbar.
Für Jugendarbeiter:innen ist die Strategie auch eine Einladung. Der Pakt für Kompetenzen und die neuen Kompetenzpartnerschaften stehen zivilgesellschaftlichen Organisationen offen, und die Agenda für Grundkompetenzen braucht Partner, die wissen, wie man mit jungen Menschen mit geringeren Chancen arbeitet. Wenn du deine Organisation in diese Gespräche einbringen oder ein Projekt entwickeln möchtest, das Jugendarbeit mit der Kompetenzagenda verbindet, schreib uns.